STD Sexuell übertragbare Krankheiten

Erstellt von: Felix Huber, Uwe BeiseZuletzt revidiert: 02/2019 Letzte Änderung: 10/2020

Aktualisierung 10/2020

  • Die Guideline wurde vollständig durchgesehen und auf Aktualität geprüft.
  • Wichtige Änderung: Bei Gonorrhö keine routinemässige Kombination von Ceftriaxon plus Azithromycin verordnen!
  • In Kapitel 3 (Chlamydien-Infektion, Abschnitt Differentialdiagnose) wurde die Therapie von M. genitalium ergänzt.

Vorbemerkungen

In dieser Guideline werden die sexuell übertragbaren Infektionen HIV/AIDS sowie Hepatitiden (s. entsprechende mediX GL Hepatitis und mediX GL HIV/Aids) nur erwähnt, sofern sie diagnostisch abgeklärt werden müssen.  Allgemeine Hinweise zur Diagnose, Therapie und Beratung bei STD finden sich in der Kurzversion (WebApp).

1. Allgemeines

1.1. Epidemiologie

  • Die häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI, sexually transmitted infections) sind humane Papillomviren (HPV), Herpesviren und Chlamydien. Die klassischen STI Gonorrhö und Syphilis sind zwar deutlich seltener, treten aber in den letzten Jahren wieder vermehrt auf (2).

1.2. Meldepflicht

  • Eine Meldepflicht besteht für: Neisseria gonorrhoeae, Treponema pallidum, Chlamydia trachomatis, Hepatitis A, B, C sowie HIV/Aids. Die Erstmeldung erfolgt bei allen Krankheiten durchs Labor. Das BAG fragt danach beim behandelnden Arzt nach
  • Meldeformulare unter: BAG Meldeformulare.

1.3. Wichtige Aspekte für alle sexuell übertragbaren Krankheiten

  • Alle Partner*innen der letzten 60 Tage vor Infektion sollen informiert, getestet und behandelt werden
  • Alle Patient*innen mit einer diagnostizierten STI und deren Partner*innen auch auf die anderen STI testen, also immer Gonorrhö, Chlamydien, Lues, HIV, ggfls. Hepatitis-B-Virus
  • Pharyngeale und rektale Infektionen verlaufen in > 90 % asymptomatisch
  • Cave: Antibiotikaresistenzen bei Gonokokken (und M. genitalium)
    • Deutliche Zunahme von Cephalosporin-Resistenz bei Gonokokken
    • Bei Gonorrhö keine routinemässige Kombination von Ceftriaxon plus Azithromycin verordnen!
    • Behandlungserfolg kontrollieren bei Rezidivtherapie
    • Kultur (mit Resistenzprüfung) bei Rezidiv oder schlechtem Ansprechen (> 2 d).

 

2. Gonorrhö (1, 3)

2.1. Erreger, Inkubationszeit, Epidemiologie

Erreger

  • Neisseria gonorrhoeae.

Inkubationszeit

  • 2–4 Tage (1–7 Tage).

Prävalenz

  • 100/100’000.

Neuinfektionen (CH)

  • 1‘000 (Männer Sex mit Männern, MSM, 600–800)/Jahr.

2.2. Symptome

 Urethritis

  • Eitriger Ausfluss, Pollakisurie, Hämaturie. Orificium urethrae kann geschwollen und gerötet sein. Fieber.
    Beachte: Oft findet sich nur ein spärlicher seröser Ausfluss. Diese Männer sind tagsüber symptomfrei, nur vor der ersten Miktion kann morgens ein Eitertropfen (Bonjour-Tropfen) exprimiert werden. In ca. 10 % bestehen keine urogenitalen Symptome.
  • Komplikationen: Prostatitis, Spermatocystitis, Funiculitis und Epididymitis.

 Urethritis, Zervizitis, Bartholinitis

  • Weisslich-gelber Fluor, z. T. stechende Schmerzen oder Brennen bei der Miktion. Ev. Rötung und Ödem der Portio mit Kontaktblutung. Gelegentlich kann Eiter exprimiert werden. Menorrhagie und Metrorrhagie bei Beteiligung des Endometriums
  • Komplikationen: Pelvic inflammatory disease (PID): Endometritis, Parametritis, Salpingitis, Oophoritis, Tuboovarialabszesse und Peritonitis. Sterilität (!).

♂/♀  Pharyngitis

  • Wichtige Differentialdiagnose bei einseitiger Tonsillitis (Gonorrhö und Lues I können einseitige Tonsillitis verursachen).

♂/♀  Proktitis

Disseminierte Form

  • Arthritis-Dermatitis-Syndrom, Tenosynovitis, Dermatitis, wandernde Polyarthritis, septische Monoarthritis, Meningitis, Endokarditis.

Beachte: Die Gonorrhö des Pharynx und des Anus ist in 90 % asymptomatisch und stellt ein wichtiges Erregerreservoir dar (12).

2.3. Diagnostik

  • PCR-Nachweis
    ♂: Erststrahlurin 10–20 ml (nach mindestens 1-stündiger Karenz oder Morgenurin),
    ♀: Vaginalabstrich, immer auf Gonokokken und Chlamydien (13, 14)
  • Sexualanamnese
    ♂ und ♀: Tonsillophyryngeal-, Analabstrich; bei MSM immer auch Tonsillophyryngeal-, Analabstrich, zusätzlich zur Urinprobe!
  • Abklärung auf Chlamydien, HIV und Syphilis.

Beachte: Ein zuverlässiger Nachweis von Chlamydien und Gonokokken ist in den ersten Tagen nach GV noch nicht möglich. Bei Kontakt mit einem dokumentiert infizierten Partner –> sofortige Therapie ohne weitere Abklärung. Handelt es sich um eine Routinekontrolle, ist diese erst nach 2–3 Wochen zu empfehlen.

2.4. Therapie

Grundsatz

  • Diagnostische Abklärung anstreben und anschliessend gezielte Therapie (um Gefahr zunehmender Resistenzentwicklung entgegenzuwirken). Nur wenn die Klinik sehr typisch und ausgeprägt und der Leidensdruck hoch ist –> sofortige empirische Behandlung.

Medikation (bei Urethritis, vaginaler, analer oder oropharyngealer Gonorrhö)

Wichtig: Bis vor kurzem wurde eine „empirische“ Therapie von Ceftriaxon (Cephalosporin) mit Azithromycin (Makrolid) zur potenteren Gonorrhö-Therapie (synergistische Therapie zur Vermeidung von Resistenzen) und gleichzeitiger empirischer Behandlung einer möglichen Chlamydieninfektion empfohlen. Diese Behandlungsstrategie wird – wegen rasch zunehmender Resistenzentwicklung von N. gonorrhoeae gegenüber Makroliden – nicht mehr empfohlen. 

Resistenzen: Ceftriaxon selten, Cefixim-Resistenzen steigend, Azithromycin unterschiedlich. Chinolone (z. B. Ciprofloxacin, Ofloxacin) nicht einsetzen, da häufig Resistenzen. Reiserückkehrer Thailand: Resistenzen!

  • Partner mitbehandeln (alle Partner der letzten 10–30 Tage vor Symptombeginn kontaktieren: Information, Testung, Behandlung)
  • Alle Patient*innen mit einer diagnostizierten STI und deren Partner*innen auch auf die anderen STI testen, also immer Gonorrhö, Chlamydien, Lues, HIV, ggfls. Hepatitis-B-Virus.

 Test of Cure

  • Grundsätzlich bei allen Patienten zu empfehlen, insbesondere aber
    • Bei fortbestehenden Symptomen (> 2 Tage nach adäquater Therapie)
    • Bei pharyngealen Infektionen
    • Bei Behandlung mit Nicht-Erstlinienmedikation.

 

3. Chlamydien-Infektion (1, 4)

3.1. Erreger, Inkubationszeit, Epidemiologie

Erreger

  • Zwei Serotypen: 1. Chlamydia trachomatis (Serovar D-K); 2. Lymphogranuloma venereum (LGV), Serovar L1–3.

Inkubationszeit

  • trachomatis 7–14 Tage, Lymphogranuloma venereum 3–30 Tage.

Epidemiologie

  • Chlamydien sind die häufigsten Erreger der Nicht-Gonorrhö-Urethritis/-Zervizitis (NGU/NGZ), insbesondere bei sexuell aktiven Frauen/Männern < 25 J.

3.2. Symptome

♂  Urethritis

  • Seröser Ausfluss, Algurie. Weniger akut und dolent als Go-Urethritis. Oft nur diskrete Rötung des Orificium urethrae und Verklebung der Harnröhrenmündung. Proktitis bei anogenitalem Kontakt. Chron. Prostatitis: Rolle von Chlamydien unklar. Bei 30–50 % symptomlos!
  • Komplikationen: Nebenhodenentzündung (häufig Chlamydieninfekt bei Männern < 35 J.), reaktive Arthritis.

♀  Urethritis, Zervizitis

  • Meist gelblich-weisslicher vaginaler Ausfluss mit Juckreiz am Introitus vaginalis. Kontaktblutungen oder Spotting nach Geschlechtsverkehr möglich. Bei bis zu 70 % symptomlos
  • Komplikationen: PID (Salpingitis, Oophoritis, Peritonitis); Perihepatitis. Bei bilateralem Tubenverschluss Sterilität (häufige Ursache von Unfruchtbarkeit).

/♀  Pharyngitis

♂/♀  Konjunktivitis (auch bei Neugeborenen)

♂/♀  Anitis, Proktitis

Lymphogranuloma venerum

  • Endemisch bei Heterosexuellen in Ost/Westafrika, Indien, Teile Südostasiens und Karibik; steigende Zahlen bei Homosexuellen in der Schweiz).

3.3. Diagnostik

  • PCR-Nachweis
    ♂: Erststrahlurin 10–20 ml (nach mindestens 1-stündiger Karenz oder Morgenurin)
    ♀: Vaginalabstrich; immer auf Chlamydien und Gonokokken (13, 14)
  • Immer gleichzeitige Abklärung auf Gonorrhö, Syphilis, HIV.

Beachte: Ein zuverlässiger Nachweis von Chlamydien und Gonokokken ist in den ersten Tagen nach GV noch nicht möglich. Erfolgte ein Kontakt mit einem dokumentiert infizierten Partner –> sofortige Therapie ohne weitere Abklärung. Handelt es sich um eine Routinekontrolle, ist diese erst nach 2–3 Wochen zu empfehlen.

Differentialdiagnose

  • Falls keine Chlamydien/Gonokokken nachweisbar, auf Trichomonaden (Mikroskopie im Nativpräparat aus Scheide, Zervix, Urethra; bei Männern schwierig, ev. Morgenurin-Sediment) und Mykoplasmen (M. hominis und U. urealyticum mittels Kultur, M. genitalium mittels PCR) untersuchen.
    Hinweis
    : Bei Nachweis von genitalium genotypisch nach Makrolid- und Chinolonresistenz suchen.
  • Therapie ohne Makrolidresistenz: Doxycyclin 2 x 100 mg über 7 Tage, danach Azithromycin 1 g am Tag 1, 500 mg an Tag 2 und 3
  • Therapie bei Makrolidresistenz: Doxycyclin 2 x 100 mg über 7 Tage, danach Moxifloxacin 400 mg über 10 Tage
  • Therapie bei Makrolid- und Chinolonresistenz: Rücksprache mit Infektiologie (Empfehlungen des USZ, 2020).

3.4. Therapie

Grundsatz

  • Diagnostische Abklärung anstreben und anschliessend gezielte Therapie (um Gefahr zunehmender Resistenzentwicklung entgegenzuwirken). Nur wenn die Klinik sehr typisch und ausgeprägt und der Leidensdruck hoch ist –> sofortige empirische Behandlung
  • Partner mitbehandeln!

Empirische Therapie

Therapie nach bestätigter Chlamydien-Infektion

  • Unkomplizierte genitale, pharyngeale und rektale Chlamydieninfektion

  • „Pelvic inflammatory disease" (PID)



Test of cure

Frühestens 4–6 Wochen nach Therapieende

  • Bei Symptompersistenz
  • Zweifelhafter Adhärenz
  • V. a. Reinfektion
  • In der Schwangerschaft
  • Bei PID
  • Bei LGV
  • Bei Therapie mit Nicht-Erstlinienmedikamenten.

Beachte: Keine Kontrolle ist erforderlich, wenn der Patient unter der Therapie asymptomatisch geworden ist.

3.5. Screening

  • Screening auf Chlamydien wird bei sexuell aktiven Patientinnen unter 25 Jahren und Frauen über 25 Jahren mit RF (multiple Partner, neuer Partner) empfohlen (3)
  • Nach einer britischen Studie beträgt die Number Needed to Screen (NNS) = 147, ein allgemeines jährliches Screening wird als nicht kosteneffektiv beurteilt (5). Sinnvoll erscheint aber ein Screening nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einem neuen Partner.

 

4. Syphilis (6, 7, 15–17)

4.1. Erreger, Inkubationszeit, Epidemiologie

Erreger

  • Treponema pallidum.

Inkubationszeit

  • 1–3 Wochen (7–100 Tage).

Neuerkrankungen (CH)

  • 600–800 (300–600 MSM)/Jahr.

4.2. Symptome

Primärstadium

  • Nach ca. 3 Wo. Primäraffekt (typisch: Sulcus coronarius/kleine Labien): Dunkelroter Fleck oder Papel, die rasch in eine Erosion übergeht. Ausdehnung und Tiefe des Defekts nehmen allmählich zu, nach 1–2 Wo. entsteht schmerzloses, scharf begrenztes, flaches Ulkus mit gelblich belegtem Grund und derbem, nicht unterminiertem Randwall. Kurz darauf bilaterale asymptomatische Lymphknotenschwellungen. Nach einigen Wochen Vernarbung..

    Beachte: Atypische Formen sind häufig! Extragenital in ca. 10 % (z. B. Lippen, Mundhöhle, Enddarm).

Sekundärstadium

  • 8–12 Wochen nach Infektion, mehrfaches, symptomärmeres Rezidivieren, später Übergang in symptomlose Lues latens
  • Allgemeinsymptome: Müdigkeit, leichtes Fieber, Krankheitsgefühl, generalisierte Lymphadenopathie, Kopf-, Muskel-, Gelenkschmerzen, vorwiegend nachts
  • Grosser Formenreichtum der Hauterscheinungen: Bei unklarem Exanthem auch an Syphilis denken! Kein Juckreiz!
  • Befall von Handtellern und Fusssohlen
  • Roseola: Livides, makulöses Exanthem, später: Papulöse und ulzeröse Syphilide; Condylomata lata: Nässende Papeln in intertriginösen Räumen. Mundschleimhauterscheinungen: Makulopapulöses Syphilid (feste, flache Läsionen, oft am Gaumen); Plaques muqueuses: Leicht erhabene oder flach ulzeröse Läsionen mit entzündlichem Rand; schmerzhafte Ulzerationen.

Tertiärstadium

  • Meist ab 3.–5. Krankheitsjahr mit irreversiblen Schäden
  • Tubero-serpiginöse Syphilide: Bogig begrenzte, chronische Hautinfiltrate mit bräunlich-blau-rotem Farbton und zentraler Atrophie
  • Gummen: Gummiartige Granulome in parenchymatösen Organen, Knochen und Bindegewebe
  • Mesaortitis luetica: Gefahr des Aortenaneurysmas.

Quartärstadium (Neurolues)

  • Tabes dorsalis mit lanzinierenden Schmerzen, Ataxie, Schwinden der Patellar- und Achillessehnenreflexe
  • Progressive Paralyse mit Veränderung der Persönlichkeit und Demenz.
    Beachte: Befall des peripheren oder zentralen Nervensystems auch im Stadium II und III möglich.

4.3. Diagnostik

  • Direkter Erregernachweis mittels Dunkelfeldmikroskopie aus Reizsekret (einzige Nachweismöglichkeit in der Frühphase, da Serologie meist noch negativ!)
  • PCR (Abstrich aus Läsion), besonders bei extragenitalen Manifestationen, unklaren genitalen Läsionen, nässende Läsionen bei Sekundärsyphilis
  • Suchtest (Serologie)
    • TPPA (Treponema Pallidum Particle Agglutination Assay) oder T. pallidum IgG
      –> Wenn positiv: Aktivitäts-Test durchführen (s. u.).
  • Aktivitätstest
    • VDRL (Venereal-Disease-Research-Laboratory)-Test oder RPR (Rapid-Plasma-Reagin)-Test
      –> Wenn positiv: Diagnose aktive Lues (–> Therapie)
      –> Wenn negativ: St. n. behandelter Lues?, FTA (Fluorescent Treponemal Antibody Absorption) oder EIA (Enzyme-linked Immunosorbent Assay) –> wenn negativ wahrscheinlich TPPA falsch positiv (Rücksprache Labor!)
  • Lues-Serologie: Titer und Verlauf
  • Keine Lumbalpunktion mehr bei Frühsyphilis! Bei Verdacht auf Neurolues Liquorpunktion: TPPA/IgG-Liquor-Serum-Index
  • Immer Abklärung Gonorrhö, HIV, NGU/NGZ!

4.4. Therapie (beim Spezialisten)

Frühsyphilis

–> Primärsyphilis, Sekundärsyphilis oder latente Syphilis bis 1 Jahr post infectionem

Spätsyphilis

–> Alle Krankheitsstadien, die später als 1 Jahr post infectionem diagnostiziert werden (latente Syphilis, Tertiärsyphilis) oder eine Syphilis unbekannter Dauer

     Verlaufskontrollen

  • Quantitativer VDRL nach 3, 6, 12 Monaten, im Einzelfall auch länger. Bei Lues I/II sollte Titer gefallen sein: Nach 6 Monaten um 2 Stufen, nach 12 Monaten um 3 Stufen, nach 24 Monaten um 4 Stufen.

 

5. Herpes genitalis (8, 9, 16, 18)

5.1. Erreger, Inkubationszeit, Epidemiologie

Erreger

  • Bei 80 % HSV-2, bei 20 % HSV-1.

Infektiosität

  • Bläschen > keine Bläschen > aktuelle Therapie.

Inkubationszeit

  • 2–12 Tage.

Prävalenz

  • 19 %.

Risiko/Kontakt

  • 50 % nach 2 Monaten (25 x Geschlechtsverkehr).

5.2. Symptome

  • Prodrome: Grippeähnliche Symptome, ev. LK-Schwellungen
  • Lokal: Flüssigkeitsgefüllte Bläschen, die eintrüben und platzen und kleine Ulzera bilden. Typisch: Gruppen von schmerzhaften Läsionen am Genitale, am Gesäss und angrenzenden Arealen. Ausserdem: Überempfindlichkeit, Juckreiz, Brennen. Algurie bei urethralem Befall, Abdominalbeschwerden bei analem Befall. 20–30 % der Infizierten sind symptomlos, atypische Läsionen sind nicht selten.
    Bei seropositiven Patienten für HSV-2 findet man eine Virusausscheidung und somit Ansteckungsgefahr auch ohne Vorgeschichte eines floriden genitalen Herpes (10).

5.3. Diagnostik

  • Bei typischem Erscheinungsbild kann die Diagnose klinisch gestellt werden, es wird aber zumindest einmal ein Nachweis gefordert (1) –> Abstrich Kruste oder Bläscheninhalt: PCR (Stäbchen in sterilem Medium), Kultur (Virus-Transportmedium).

5.4. Therapie

Erstmanifestation

  • Verläuft oft besonders schwer. Therapiebeginn so früh wie möglich (spätestens am 4. Tag): Valaciclovir (VACV) 2 x 500 mg/d für 5–10 d; 2. Wahl: Famciclovir (FACV) 3 x 250 mg/d für 5–10 d
  • Zusätzlich bei Bedarf Analgetika.

Hinweis: Die Behandlung der Erstmanifestation beeinflusst die Rezidivrate nicht.

Rezidiv

  • Im Laufe der Zeit meist weniger schwer. Therapie fakultativ (Beschwerden werden um 1–2 d verkürzt): VACV 2 x 500 mg/d für 3–5 d. 2. Wahl: FACV 2 x 125 mg/d für 5 d.
    Alternativ: Selbstmedikation bei ersten Anzeichen mit FACV oder VACV 1’000 mg, 2 Dosen in Abständen von 12 h. 

Dauersuppression (Kostengutsprache) bei > 6 Rezidiven/Jahr

  • Bei > 10 Rezidiven/Jahr und hohem VACV 2 x 250 mg/d für 6–12 Monate (Dauersuppression). Resultate: Weniger Rezidive, reduzierte Virusausscheidung, gute Verträglichkeit und Wirksamkeit über bis zu 18 Jahre dokumentiert mit ACV. Einmal jährlich Kontrolle, ev. Absetzversuch (dann aber oft wieder häufiger Rezidive)
  • Bei < 10 Rezidiven und hohem Leidensdruck: VACV 1 x 500 mg/d für 6–12 Monate
  • Medikamente 2. Wahl: Acyclovir 2 x 400 mg/d oder FACV 2 x 250 mg/d.

Beachte

  • Topische antivirale Therapie (z. B. mit Acyclovir) wird nicht empfohlen (Resistenzbildung!). In der akuten Phase können aber z. B. Betadine-Sitzbäder und Tannosynt®-Lotion oder -Schüttelmixtur eingesetzt werden, in der abheilenden Phase dann z. B. Bepanthen®-Creme

  • Kondome werden empfohlen. Sie bieten zwar keinen sicheren Schutz vor Übertragung, mindern aber wahrscheinlich das Übertragungsrisiko. Auch unter Suppressionstherapie ist eine Übertragung möglich. Das Risiko ist aber um etwa 50 % geringer (8).

 

6.  Condyloma acuminata (Genitalwarzen) (11)

6.1. Erreger, Epidemiologie

Erreger

  • Low risk Humane Papillomaviren HPV 6, 11. (High risk HPV 16, 18, 31 und andere als Ursache von Zervix-, Vulva-, Penis-, Analkarzinomen).

Epidemiologie

  • Häufigste virale STD.

6.2. Symptome

  • Fast immer symptomlos. Genitalwarzen können über Monate und Jahre persistieren. Bis 30 % Spontanheilung.

Komplikationen

  • Äusserst selten maligne Entartung der Warzen zum Penis-/Vulvakarzinom. Im Gegensatz dazu sind High-risk-HP-Viren praktisch an allen Zervixkarzinomen ursächlich beteiligt.

6.3. Diagnostik

  • Klinisch. Keine HPV-Serologie. Seltene Indikationen zu einer weitergehenden Diagnostik (Histologie) sind: Unsichere klinische Diagnose, Therapieresistenz, Frührezidive, Grössenzunahme trotz Therapie.

6.4. Therapie

  • Aufgrund gewisser Spontanheilungstendenz kann Abwarten eine Option sein (Aufklärung des Patienten)
  • Podophyllotoxin 0,5 % (Condyline®) 2 x tgl. für 3 d (Selbsttherapie möglich). Nach 7 Tagen Nachkontrolle. Bei Bedarf wiederholen. Rezidivrate nach erfolgreicher Therapie: 20 bis 70 % innert 6 Monaten. Alternative: Podophyllotoxin 20 % 1 x/Woche nur durch Arzt/Ärztin
  • Imiquimod (Aldara®) ist wegen fehlender Überlegenheit bei deutlich höheren Kosten nur 2. Wahl.
    Anwendung: Imiquimod 5 % 3 x/Woche (Tag 1, 3, 5) vor dem Schlafen (6–10 h belassen), max. 16 Wochen. Kosten: 12 Sachets CHF 143.35 für 4 Wochen Therapie; Supp von Kantonsapotheke erhältlich
  • Mechanische Verfahren: Kryotherapie, Elektrochirurgie, Excision, CO2-Lasertherapie.

6.5. Prävention

  • Kondome können Risiko der Infektion reduzieren, aber nicht eliminieren.

 

7. Literatur

  1. Arbeitsgruppe «Sexuell übertragbare Infektionen» im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Empfehlungen zur frühzeitigen Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) durch erstbehandelnde Ärztinnen und Ärzte: Klinisches Vorgehen bei Beschwerden im Genitalbereich. 2011.
  2. Stephan Lautenschlager: Sexuell übertragbare Infektionen: die Schweiz und ihr unrühmlicher Spitzenplatz in Europa. Schweiz Med Forum 2012;12(1–2):4–5.
  3. Ursula Kälin, Urs Laupera, Stephan Lautenschlager: Urethritis Erregerspektrum, Abklärung und Therapie – Teil 1. Schweiz Med Forum 2009; 9(5):101-104.
  4. Ursula Kälin, Urs Laupera, Stephan Lautenschlager: Urethritis Erregerspektrum, Abklärung und Therapie – Teil 2. Schweiz Med Forum 2009;9(6):121–124.
  5. Oakeshott P, et al.: Randomised controlled trial of screening for Chlamydia trachomatis to prevent pelvic inflammatory disease: the POPI (prevention of pelvic infection) trial. BMJ 2010;340:c1642.
  6. Lautenschlager S: Frühmanifestation der Syphilis. Schweiz Med Forum 2009;9(7):142–146.
  7. Leitlinien der Deutschen STI-Gesellschaft. Diagnostik und Therapie der Syphilis. Aktualisierung und Aufwertung S2k. 7/2014.
  8. Rajul Patel, et al.: European Guidelines for the management of genital herpes, 2010.
  9. Swiss Herpes Management Forum. Schweizer Empfehlungen für das Management des Herpes genitalis und der Herpes-simplex-Virus-Infektion des Neugeborenen. SÄZ 2005; 86; 13: 780-792.
  10. Wald A, et al.: Reactivation of genital herpes simplex virus type 2 infection in asymptomatic seropositive persons. N Engl J Med. 2000;342(12):844.
  11. Leitlinien der Deutschen STD-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und der Paul-Ehrlich-Gesellschaft. Condylomata acuminata und andere HPV-assoziierte Krankheitsbilder von Genitale, Anus und Harnröhre. 2006.
  12. Trellu LT, et al.: Gonorrhoe: neue Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung. Schweiz Med Forum 2014;14(20):407–409.
  13. Marrazzo J: Clinical manifestations and diagnosis of Chlamydia trachomatis infections. UpToDate 09/2020.
  14. Ghanem KG: Clinical manifestations and diagnosis of Neisseria gonorrhoeae infection in adults and adolescents. UpToDate 09/2020.
  15. Itin P, et al.: Syphilis: Diagnostik und Behandlung. Aktualisierte Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Sexuelle Gesundheit. SMF 2015;15(19):459–465.
  16. Antibiotika-Richtlinien Inselgruppe Bern, 2017.
  17. Itin P: Guidelines Syphilis (Lues) 12/2017
  18. Vernazza P: Guideline Genitaler Herpes. Guidelines HSV 1 & 2 06/2020.

Weitere Links

Danksagung

Wir danken Prof. Dr. med. Rainer Weber, em. Direktor der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des USZ, für seine Expertise und wichtige Anregungen.

 

8. Impressum

Diese Guideline wurde im Januar 2016 erstellt. Letzte Aktualisierung Oktober 2020. 
© Verein mediX

Herausgeber
Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantwortlich)
Dr. med. Uwe Beise

Autoren
Dr. med. Felix Huber
Dr. med. Uwe Beise

Rückmeldungen bitte an: uwe.beise_at_medix.ch

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